Von Xenophon bis zur FN: Eine Reise durch die Geschichte der Reitkunst und die Rolle der Versammlung
Die klassische Reitkunst ist keine statische Lehre, sondern ein lebendiges Erbe, das über Jahrhunderte von großen Meistern geformt wurde. Jeder von ihnen hat auf seine Weise dazu beigetragen, unser Verständnis von der Ausbildung des Pferdes zu vertiefen. Doch wie hat sich die Rolle der Versammlung – das Herzstück der klassischen Dressur – im Laufe der Zeit verändert? Und warum ist die Piaffe heute eine hochdotierte Grand-Prix-Lektion und nicht mehr das tägliche Gymnastik-Werkzeug, das sie einst war?
Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise zu den einflussreichsten Reitmeistern der Geschichte und zeigt, wie sich der Zweck der Reitkunst und damit auch die Ausbildungsmethoden fundamental gewandelt haben.
1. Xenophon (ca. 430–354 v. Chr.) – Der Ursprung der Idee
Alles beginnt im antiken Griechenland mit Xenophon und seinem Werk „Peri Hippikés“ (Über die Reitkunst). Für ihn diente das Reiten der Brauchbarkeit, Leichtigkeit und Harmonie. Er war der Erste, der formulierte, dass ein Pferd sich selbst tragen und der Reiter dessen Balance nicht stören dürfe. Zwang, so Xenophon, zerstöre den Gang, den Charakter und die Gesundheit des Pferdes.
Obwohl er das Wort „Versammlung“ nicht benutzte, beschrieb er bereits klar deren Prinzipien: die Lastaufnahme der Hinterhand, die Aufrichtung aus einer aktiven Hinterhand und die Verkürzung der Tritte bei erhöhter Energie. Das Konzept der Piaffe als kontrollierte, lastaufnehmende Bewegung auf der Stelle zur Schulung der Tragkraft war also bereits im Kern vorhanden. Für Xenophon war Versammlung kein Kunststück, sondern der Grundzustand eines korrekt gerittenen Pferdes.
2. Antoine de Pluvinel (1552–1620) – Die Geburt der höfischen Reitkunst
In der Renaissance, als das Reiten zur höfischen Kunstform wurde, trat Antoine de Pluvinel auf den Plan. Als Lehrer des französischen Königs Ludwig XIII. verfeinerte er die Ausbildung und führte die Arbeit an der Hand und die Arbeit zwischen den Säulen (Pilaren) ein. Sein Werk „L’Instruction du Roy“ betont Geduld, Lob und eine Ausbildung ohne Eile.
Bei Pluvinel wurde die Piaffe zu einem zentralen Ausbildungswerkzeug. Sie war keine Showlektion, sondern diente der Geraderichtung, der Aktivierung der Hinterhand und der Vorbereitung auf alle höheren Lektionen. Die Piaffe war bei ihm reine Basisgymnastik zur Entwicklung der Tragkraft.
3. François Robichon de la Guérinière (1688–1751) – Die Systematisierung der Lehre
De la Guérinière gilt als der „Vater der modernen klassischen Reitkunst“, weil er in seinem Meisterwerk „École de Cavalerie“ (1733) die bisherigen Lehren systematisierte. Er führte das Schulterherein als „erste und letzte Lektion“ ein und betonte die klare Trennung von Vorwärts (Impulsion) und Versammlung (Absenken der Hanken).
Für de la Guérinière war die Piaffe ein selbstverständlicher Teil der Ausbildung und ein tägliches Mittel zur Verbesserung der Balance und zur Verfeinerung der Hilfen. Sie war das unentbehrliche Werkzeug zur Vorbereitung der „Schulen über der Erde“. Seine Maxime war klar: Ohne Piaffe keine hohe Schule. Gleichzeitig betonte er aber auch, dass nicht jedes Pferd für die hohe Schule geeignet ist.
4. Gustav Steinbrecht (1808–1885) – Die Brücke zur Moderne
Mit Gustav Steinbrecht und seinem berühmten Leitsatz „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ beginnt der Übergang von der klassischen Akademie-Reitkunst zum modernen Sport. In einer Zeit, in der das Ende der Kavallerie nahte und das Reiten einer breiteren Masse zugänglich wurde, schuf Steinbrecht mit seinem Werk „Das Gymnasium des Pferdes“ ein reproduzierbares System.
Bei ihm wird die Versammlung erstmals zum Ergebnis der korrekten Vorarbeit, die auf Losgelassenheit, Durchlässigkeit und einem gleichmäßigen Vorwärts basiert. Die Piaffe findet bei ihm später in der Ausbildung statt und wird stärker unter dem Sattel als an der Hand erarbeitet. Steinbrecht ist die Brücke, auf der die Verschiebung beginnt: Die Piaffe ist nicht mehr die Basis, sondern wird zur Krönung der Ausbildung.
5. Die FN und die moderne Sportdressur (20. Jh. bis heute)
Das heutige System der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ist auf Breitentauglichkeit und ein vergleichbares Turniersystem ausgelegt. Die berühmte Ausbildungsskala (Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung) platziert die Versammlung bewusst an das Ende der Ausbildung, nicht an den Anfang.
Die Piaffe ist in diesem System keine gymnastische Übung mehr, sondern eine hochspezialisierte Lektion für Grand-Prix-Prüfungen. Sie wird nach Regelmäßigkeit, Ausdruck und Optik bewertet, nicht mehr primär nach ihrer Funktion für die Gesunderhaltung und Tragkraft des Pferdes.
Der Wandel im Überblick
| Epoche | Meister/System | Ziel der Reitkunst | Rolle der Versammlung | Rolle der Piaffe |
| Antike | Xenophon | Gebrauch & Harmonie | Grundzustand | Implizites Mittel |
| Renaissance | Pluvinel | Akademische Kunst | Basisarbeit | Tägliche Gymnastik |
| Barock | de la Guérinière | System & Perfektion | Voraussetzung | Werkzeug zur Gymnastik |
| 19. Jh. | Steinbrecht | Gymnastik & Breite | Ergebnis der Vorarbeit | Fortgeschrittene Lektion |
| Moderne | FN / FEI | Sport & Vergleich | Endpunkt der Skala | Spitzenlektion im Grand Prix |
Fazit: Ein Wechsel des Zwecks, nicht ein Verlust des Wissens
Der Wandel in der Reitkunst ist kein Verlust an Wissen, sondern ein Wechsel des Zweckes: von der funktionalen Kriegskunst zur individuellen Kunstform und schließlich zum normierten, vergleichbaren Sport. Der Fokus hat sich von der inneren Tragkraft zum äußeren Ausdruck verschoben.
Für uns, die wir uns der klassischen Tradition verpflichtet fühlen, bleibt die Piaffe jedoch das, was sie bei den alten Meistern war: kein spektakuläres Ziel, sondern der ultimative Beweis dafür, dass der Weg der Ausbildung korrekt war. Sie ist der Prüfstein für eine pferdegerechte Gymnastizierung, die zu einem gesunden, ausbalancierten und tragfähigen Pferd führt.
Wenn Sie im Ruhrgebiet (Dortmund, Recklinghausen, Unna, Gelsenkrichen oder Bochum) nach einem Weg suchen, Ihr Pferd nach diesen klassischen Prinzipien auszubilden und seine Tragkraft zu entwickeln, dann lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten.
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Jane Weber | Klassische Reitkunst & Mobiles Reha-Training im Ruhrgebiet