Vom Partner zum Sportgerät: Hat die moderne Reiterei ihr Ziel verloren?
Die Geschichte der Reitkunst ist keine geradlinige Erfolgsgeschichte. Es ist eine Geschichte von Brüchen und Zweckänderungen. Mit jeder großen gesellschaftlichen Wende veränderte sich die Antwort auf die fundamentalste aller Fragen: Wozu bilden wir ein Pferd aus? Von der Antike bis heute lässt sich eine Entwicklung nachzeichnen – von einer Kunst, die auf Tragkraft, Langlebigkeit und Harmonie ausgerichtet war, hin zu einem sportlich normierten System, in dem Verschleiß eine akzeptierte Nebenwirkung zu sein scheint.
Dieser Artikel folgt den Spuren der großen Meister und zeigt auf, wie sich der Zweck der Reitkunst verändert hat und warum die Lehren von Xenophon bis Nuno Oliveira heute wichtiger sind denn je für die Gesundheit unserer Pferde.
Der klassische Pakt: Reitkunst als Mittel zur Gesunderhaltung
Von Xenophon (4. Jh. v. Chr.) über die großen Akademien der Renaissance bis zu de la Guérinière (18. Jh.) war das Ziel der Ausbildung klar definiert: die Schaffung eines brauchbaren, langlebigen und im Kampf wendigen Pferdes. Versammlung war dabei kein Selbstzweck, sondern die physiologische Notwendigkeit, um das Pferd in die Lage zu versetzen, den Reiter ohne Schaden zu tragen. Die Piaffe und die Schulen über der Erde waren demnach keine Zirkuslektionen, sondern der höchste Ausdruck perfekter Gymnastizierung und Tragkraft. Die Ausbildung dauerte Jahre, nicht nur eine Turniersaison.
Das klassische Prinzip: Ein Pferd, das nicht lernt, sich selbst zu tragen, bezahlt jede Bewegung mit seinem Körper. Ausbildung dient der Gesunderhaltung.
Der erste Bruch: Industrialisierung und militärischer Pragmatismus
Im 19. Jahrhundert verlor das Pferd durch die Industrialisierung seine Schlüsselrolle. Das Reiten wandelte sich zum Sport, und die Ausbildung musste schneller und für eine breitere Masse zugänglich werden. Gustav Steinbrechts berühmter Satz „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ markiert diesen Übergang. Was bei ihm ein gymnastischer Weg zur späteren Versammlung war, wurde zunehmend als Rechtfertigung für ein permanentes „Vorwärts“ missverstanden.
Den entscheidenden Bruch brachte jedoch die Heeresdienstvorschrift 12 (HDv 12). Aus der Notwendigkeit geboren, in kurzer Zeit viele Soldaten auf vielen Pferden kriegstauglich zu machen, schuf sie ein System, das auf Funktionalität, nicht auf Perfektion abzielte. Die aufwändige, jahrelange Ausbildung zur Versammlung war hierfür ungeeignet. Die Piaffe verschwand aus der Grundausbildung.
Der zweite Bruch: Sportlogik und die Normierung des Pferdes
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die HDv 12 zur Grundlage der zivilen Reitausbildung in Deutschland. Die FN und die FEI übernahmen die Systematik, aber der ursprüngliche Kontext – die Ausbildung von Soldatenpferden – ging verloren. Ein neues Ziel trat an seine Stelle: der sportliche Wettkampf.
Für den Turniersport brauchte man Vergleichbarkeit. Sichtbarer Schwung, spektakulärer Raumgriff und eine ausdrucksstarke Vorderbeinaktion ließen sich leichter bewerten als die subtile, innere Tragkraft einer korrekten Versammlung. Die Ausbildungsskala, die die Versammlung an das Ende der Ausbildung stellt, ist ein direktes Ergebnis dieser Entwicklung.
| Epoche / System | Primäres Ziel | Rolle der Versammlung | Konsequenz für das Pferd |
| Klassik (bis 18. Jh.) | Brauchbarkeit, Langlebigkeit, Kunst | Grundlage & Mittel | Gesunderhaltung durch Gymnastizierung |
| HDv 12 (Militär) | Schnelle Gebrauchstauglichkeit | Untergeordnete Rolle | Funktionalität für einen begrenzten Zweck |
| Moderner Sport (FN/FEI) | Vergleichbarkeit, Ästhetik, Leistung | Endziel, Spitzenlektion | Verschleiß als akzeptierte Nebenwirkung |
Parallel dazu veränderte die moderne Zucht die Pferde selbst. Gezüchtet wird auf große Bewegungen und Elastizität, oft auf Kosten der natürlichen Tragfähigkeit. Der Kreislauf aus frühem Anreiten, schnellen Turnierstarts und wirtschaftlichem Druck tut sein Übriges. Verschleiß ist nicht das Ziel, aber er wird zur systemimmanenten Folge.
Nuno Oliveira: Das Gewissen der Reitkunst im 20. Jahrhundert
Am Ende dieser Entwicklung steht der portugiesische Meister Nuno Oliveira (1925–1989) wie ein Mahnmal ( bitte nicht verwechseln mit dem noch heute lebenden Manuel Jorge de Oliveira ). Tief verwurzelt in der klassischen Tradition, hielt er an der alten Lehre fest. Für ihn war die Piaffe tägliche Gymnastik, und Versammlung etwas, das vom Pferd erlaubt, nicht erzwungen wird.
Oliveira erkannte die Symptome des modernen Reitens zielsicher: spektakuläre Tritte ohne reelle Lastaufnahme, eine starre Anlehnung ohne Selbsthaltung. Sein Fazit war so einfach wie unbequem:
Wo die Versammlung fehlt, entsteht zwangsläufig Verschleiß.
Fazit: Die Reitkunst hat nicht ihr Wissen, sondern ihren Zweck verändert
Die heutige Situation ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. Der Zweck der Reitkunst hat sich von Funktion und Gesunderhaltung hin zu Vergleichbarkeit und sportlichem Ausdruck verschoben. Die Lehren der alten Meister sind jedoch nicht verloren. Sie bieten uns heute einen Weg, aus der Verschleiß-Logik des modernen Sports auszubrechen und zum ursprünglichen Ziel der Reitkunst zurückzukehren: der Harmonie mit einem gesunden, starken und langlebigen Pferdepartner.
Wenn Sie im Ruhrgebiet (Dortmund, Recklinghausen, Unna) einen Ausbilder suchen, der sich diesen klassischen Werten verpflichtet fühlt und Ihnen hilft, Ihr Pferd auf einem Weg zu begleiten, der seine Gesundheit an erste Stelle setzt, dann freue ich mich auf Ihre Kontaktaufnahme.
Jane Weber | Klassische Reitkunst & Mobiles Reha-Training im Ruhrgebiet