Leichttraben: Wer wird hier wirklich geschont? Ein kritischer Blick aus klassischer Sicht
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Leichttraben, „englisch reiten“ und die FN – eine historische Einordnung
Kaum eine Technik ist im modernen Reitunterricht so selbstverständlich wie das Leichttraben. Ebenso geläufig ist der Begriff „englisch reiten“, der häufig pauschal für Dressur, Springen und Vielseitigkeit verwendet wird. Beide Begriffe werden jedoch selten historisch eingeordnet. Leichttraben, bzw. englisch reiten gilt in deutschen Reitschulen als selbstverständlich, als rückenschonend und als der erste Schritt zum korrekten Traben. Doch woher kommt diese Reitweise eigentlich? Diente sie schon immer der Gymnastizierung des Pferdes? Und die vielleicht wichtigste Frage: Wen schont das Leichttraben wirklich – das Pferd oder den Reiter?
Ein Blick in die Entwicklung der Reiterei zeigt: Weder das Leichttraben noch das sogenannte englische Reiten sind zufällige oder rein sportliche Phänomene, sondern Ergebnisse konkreter militärischer, gesellschaftlicher und funktionaler Anforderungen. Das heutige Reiten nach den Richtlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) steht in direkter Tradition dieser Entwicklung.
1. Reiten vor dem Leichttraben – Sitzen als Notwendigkeit
In der klassischen Reiterei der Höfe und Akademien bis ins 18. Jahrhundert spielte das Leichttraben keine Rolle. Geritten wurde überwiegend im versammelten Trab oder in Arbeitsformen, die ein Durchsitzen erforderten. Ziel war nicht Schonung des Reiters, sondern die maximale Schulung & Veredlung des Pferdes bis zu den Schulen über der Erde.
Der Sitz war tief, aufrecht und dauerhaft im Sattel. Pferde wurden gezielt so ausgebildet, dass sie den Reiter im Trab tragen konnten, ohne ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diese Reitweise war anspruchsvoll, zeitintensiv und setzte gut ausgebildete Pferde wie Reiter voraus.
2. Der Wandel im 18. und 19. Jahrhundert – Funktion vor Kunst
Mit dem Niedergang der höfischen Reitakademien und dem Aufstieg der Kavallerie änderten sich die Anforderungen an Pferd und Reiter grundlegend. Militärisch nutzbare Pferde mussten:
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lange Strecken bewältigen
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von unterschiedlich ausgebildeten Reitern geritten werden
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ökonomisch eingesetzt werden können
Das dauerhafte Durchsitzen im Trab erwies sich unter diesen Bedingungen als unpraktisch. Der entlastende Sitz im Trab – das spätere Leichttraben – entwickelte sich als funktionale Lösung, um Reiter zu schonen und Pferderücken vor schlecht sitzenden, unausgebildeten Reitern zu schützen und trotzdem Ausdauer zu erhalten. Das Leichttraben war also primär eine funktionale Lösung für den Menschen, um Ermüdung zu reduzieren und die eigene Leistungsfähigkeit zu erhalten.
3. Die Entstehung des Leichttrabens
Das Leichttraben entstand nicht aus sportlicher Eleganz, sondern aus Notwendigkeit. Vor allem in England, wo große Distanzen im Gelände, Jagdreiten und militärische Nutzung dominierten, setzte sich diese Technik durch.
Charakteristisch:
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Entlastung des Pferderückens („lieber ein korrektes Leichttraben als ein in den Rücken plumpsender Reiter“)
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geringere Anforderungen an den Ausbildungsstand des Reiters
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längere Nutzbarkeit der Pferde im Alltag
Das Leichttraben war somit ein Zeichen der funktionalen Reiterei.
4. Warum „englisch reiten“?
Der Begriff „englisch reiten“ entstand im deutschsprachigen Raum als Abgrenzung zu anderen Reitweisen, insbesondere zur barocken, akademischen Reitkunst sowie später zu iberischen Traditionen.
Gemeint war eine Reitweise, die:
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aus England kam
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im leichten Sitz und Leichttraben ritt
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zweckorientiert, sportlich und praxisnah war
Mit der Verbreitung des englischen Sattels, der kürzeren Bügel und des vorwärts-abwärts orientierten Reitens wurde „englisch reiten“ zum Sammelbegriff für eine moderne, leistungsorientierte Reiterei.
5. Der Einfluss auf das deutsche Reiten
Im 19. Jahrhundert übernahm Deutschland viele englische Einflüsse, insbesondere in der Kavallerieausbildung. Gleichzeitig wurde versucht, diese mit den eigenen klassischen Grundsätzen zu verbinden.
Das Ergebnis war kein Bruch, sondern eine Synthese:
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klassische Gymnastizierung des Pferdes
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funktionale Sitzformen wie Leichttraben und Entlastungssitz
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systematische Ausbildung von Reiter und Pferd
Diese Verbindung mündete im 20. Jahrhundert in der Entwicklung der Ausbildungsskala, die bis heute Grundlage des deutschen Reitens ist.
6. Leichttraben in den FN-Richtlinien
In den Richtlinien der FN ist das Leichttraben fest verankert – vor allem in der Grundausbildung. Es dient nicht als Selbstzweck, sondern als pädagogisches und gymnastisches Mittel:
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Förderung von Takt und Losgelassenheit
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Entlastung des Pferdes in der Aufbauphase
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Schulung des Reiterrhythmus
Gleichzeitig bleibt das Ziel klar definiert: das ausbalancierte Durchsitzen als Resultat korrekter Ausbildung, nicht als Voraussetzung.
7. Missverständnisse rund um das Leichttraben
Probleme entstehen erst dann, wenn:
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Leichttraben dauerhaft statt gezielt eingesetzt wird
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der Sitz des Reiters nicht weiterentwickelt wird
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Gymnastizierung durch bloße Entlastung ersetzt wird
Hier liegt nicht der Fehler im Leichttraben selbst, sondern in seiner Anwendung.
8. Fazit: Tradition statt Gegensatz
Leichttraben, englisches Reiten und das deutsche FN-System stehen nicht im Widerspruch zur klassischen Reitkunst. Sie sind historische Antworten auf veränderte Anforderungen an Pferd und Reiter.
Das deutsche Reiten nach FN vereint:
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die klassische Idee der Gymnastizierung
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die englische Funktionalität
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moderne pädagogische Strukturen
Wer diese Entwicklung versteht, erkennt: Leichttraben ist kein Zeichen von Vereinfachung, sondern ein historisch gewachsenes Werkzeug – richtig eingesetzt ein Gewinn für Pferd und Reiter. Als dauerhafte Arbeitsform zur Gymnastizierung und zum Aufbau von Tragkraft ist es jedoch ungeeignet. Das Ziel jeder pferdegerechten Ausbildung sollte es sein, den Reiter zu befähigen, so gut sitzen zu lernen, dass er sein Pferd nicht stört, sondern positiv beeinflusst.
Quellen und weiterführende Literatur
Die folgenden Werke und Dokumente bilden die historische und fachliche Grundlage für die im Artikel dargestellten Zusammenhänge zwischen Leichttraben, englischem Reiten und der Entwicklung des deutschen Reitsystems nach FN:
Klassische und historische Quellen
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Pluvinel, A. de: L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval (1623)
– Darstellung der höfischen Reitkunst ohne entlastenden Sitz, Fokus auf versammelten Trab. -
La Guérinière, F. R. de: École de Cavalerie (1733)
– Grundstein der klassischen Reitlehre, Betonung von Sitz, Balance und Gymnastizierung. -
Newcastle, William Cavendish, Duke of: A General System of Horsemanship (1658)
– Frühe Beschreibung des durchgesessenen Sitzes als Ausbildungsziel.
Militärische und funktionale Reiterei (18.–19. Jahrhundert)
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Seeger, L.: System der Reitkunst (1844)
– Übergang von höfischer zur militärisch geprägten Reiterei im deutschsprachigen Raum. -
von Oeynhausen, F.: Die Reitkunst nach den Grundsätzen der deutschen Kavallerie (1882)
– Darstellung der funktionalen Reitweise mit entlastenden Sitzformen. -
British Cavalry Training Manuals, 19. Jahrhundert
– Einführung und Etablierung des Leichttrabens als Standard zur Schonung von Pferd und Reiter.
Englischer Einfluss und Sportsystem
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Caprilli, F.: Schriften zum Forward Seat (Anfang 20. Jahrhundert)
– Weiterentwicklung des entlastenden Sitzes und Einfluss auf das moderne englische Reiten. -
Loch, S.: The Classical Seat (1986)
– Historische Einordnung von Sitzformen zwischen klassischer und englischer Reitweise.
Deutsches Reiten und FN
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Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN): Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 – Grundausbildung für Reiter und Pferd
– Definition und Zielsetzung des Leichttrabens im Ausbildungssystem. -
Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN): Richtlinien Band 2 – Ausbildung des Reiters
– Sitzschulung, Übergang vom Leichttraben zum Aussitzen. -
Klimke, R.: Grundausbildung für Reiter und Pferd
– Praxisnahe Umsetzung der FN-Grundsätze mit historischer Verwurzelung.
Sekundärliteratur und Einordnung
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Podhajsky, A.: Die klassische Reitkunst
– Verbindung zwischen klassischer Gymnastizierung und moderner Reitpraxis. -
Steinbrecht, G.: Das Gymnasium des Pferdes
– Deutsches Fundament der systematischen Ausbildung, kompatibel mit FN und englischem Einfluss.
Diese Quellen verdeutlichen, dass das Leichttraben und das sogenannte englische Reiten nicht als Gegenpol zur klassischen Reitkunst entstanden sind, sondern als funktionale Weiterentwicklung, die im deutschen FN-System bewusst integriert und pädagogisch eingeordnet wurde.
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Jane Weber | Klassische Reitkunst & Mobiles Reha-Training im Ruhrgebiet